Monday, July 20, 2009

Real Existierende Diplomatie

Morgen geht es los. Tim (mein Kumpane, den ich in Sibirien kennen gelernt habe) und ich stechen wieder in die Steppe Richtung Osten. Bis Ende Kasachstan haben wir schon alles perfekt organisiert, so dass man bis dahin gut und gerne von Pauschalurlaub reden kann. Dort stößt dann Frieda auf uns, die direkt aus Sibirien anreist. Damit sind wir komplett und das Abenteuer kann losgehen. Hier ein kleiner Apperitif zu unserer Reise.

Väterlich: Das größte Land der Welt hat braucht auch die größte Botschaft, an der besten Adresse versteht sich - Unter den Linden 63 - 65. Durch den Hintereingang und eine Sicherheitsschleuse kommt man in die Konsularabteilung. Die ist klein, muffelig und chronisch überfüllt. Die Wände sind übersät mit Hinweisen und Belehrungen, realisiert in Form von individuellen Word-Ausdrucken. Man muss sich von einem Sicherheitsbeamten einen kleinen grünen Zettel holen worauf eine handgeschriebene Nummer steht, die dem zuständigen Schalter entspricht. Der Zettel wird dann in der Mitte geteilt, und eine Hälfte unter der Glasscheibe des Schalters durchgeschoben. Das Verfahren ist kompliziert und zeitraubend, aber ich kann immerhin auf sechs Jahre Erfahrung mit der russischen Botschaft zurückblicken. Irgendwann räuspert sich das Mikrofon: "huunderrtdrraiunaachzig". Das ist meine Nummer. Neben dem Schalter hängt ein Word-Ausdruck: "Illegales Anstehen ist nicht erlaubt!". Der Beamte hinter der Scheibe fährt mich sofort an: "Was fällt Ihnen ein erst zehn vor zwölf zu mir zu kommen, denken Sie ich habe heut nichts mehr zu tun?!" Da es erst ZEHN VOR zwölf ist, und die Botschaft bis zwölf aufhat bin ich mir keiner Schuld bewußt. Nachdem ich eine väterliche Belehrung bekommen hatte wann ich das nächste Mal zu kommen habe war es aber auch schon gut und die Visumprozedur konnte beginnen.

Verschollen: Die Botschaft von Borats Heimatland steht an der Grenze zu Brandenburg und auf dem Weg dorthin kann man schon ein bisschen Fernweh bekommen (Tram im 20-Minuten-Takt, für eingefleischte Berliner ein Alptraum). Gegenüber der Botschaft gibt es ein paar Schrebergärten und ein Gehege mit Ziegen. Die Beamten freuen sich wenn mal jemand kommt, allerdings nicht so sehr, dass sie einen nicht fünf Minuten grundlos warten lassen würden. Die Bearbeitungszeit ist Verhandlungssache, bezahlt wird per orginal abgestempeltem Bar-Einzahlungsbeleg, einem Verfahren aus der Kreidezeit der bargeldlosen Bezahlens. In der Bank ist es jedesmal peinlich nach so etwas zu fragen, und es kostet auch noch 8 EUR pro Bezahlvorgang. Letztendlich kommt es gerade bei der kasachischen Botschaft auch oft vor, dass man wegen vorher völlig unbekannten fehlenden Dokuments nochmal heimgeschickt wird.

Freundschaftlich: Die Botschaft der "asiatischen Schweiz" ist die einzige, bei der man auch als einfacher Visumbewerber den Haupteingang nehmen darf. Man wird ein bisschen wie ein alter Freund empfangen, dann kommt die freundliche Frage: "Womit kann ich Ihnen helfen?" Bei der Abholung meiner Visa sollte ich eigentlich 120 EUR in bar bezahlen, hatte aber nur 115 EUR dabei. Ich war schon etwas niedergeschlagen, denn auch diese Botschaft ist etwas "verschollen". Aber der nette Kirgise machte sofort den Vorschlag, ich solle den Rest einfach "später mal" bezahlen. Auf meine verunsicherte Rückfrage antwortete er: "Wenn Sie mal Zeit haben bringen Sie es einfach vorbei". Das nenn ich Vertrauen.

Effizient: Das Reich der Mitte hat seine Botschaft in einem Komplex aus Beton und Spiegelglas am Spreeufer aufgeschlagen. Um die Eingangstür aus Panzerglas aufzubekommen sollte man gut gefrühstückt haben. Der Warteraum ist groß und steril. Die Warteschlangen sind lang, aber es geht unglaublich schnell. Die Beamtin schaffte es in den wenigen Sekunden, in denen sie meine Unterlagen bearbeitete, einen sehr freundlichen Eindruck zu hinterlassen und meine zwei Fragen zu beantworten. Bei meiner dritten Frage bekam sie aber schon etwas Panik, womit sie mir zu verstehen gab, dass ich das ganze System mit meiner Fragerei aufhalte. Dennoch fasziniert mich immer wieder wie feinfühlig und schnell Chinesen Konfliktsituationen entschärfen können. Einmal musste ich noch kurzfristig eine Kopie einreichen und wurde von der Chinesin an den münzbetriebenen Kopierer verwiesen. Da ich aber kein Kleingeld hatte konnte ich mir damit nicht helfen. Anstatt mich jetzt heimzuschicken oder nach einer Predigt auf die Kopie zu verzichten oder mir umsonst eine Kopie zu machen schrieb sie einfach 10 Cent mehr auf den Zahlbeleg und kopierte meinen Pass an ihrem eigenen Kopierer. Sehr intelligent finde ich.

2 comments:

  1. Schöner Überblick über Botschaften.
    Ich wollte hier gerade mal die Schwäbische-Alb-Botschaft danebenstellen, damit man sich auch ein Verhältnis machen kann, wie unsere Heidenheimer Botschaft ist.

    Die Schwäbische Botschaft ist ein paar hundert Meter weiter in einem großen, aber schmucklosen Betonklotz. Vor dem Eingang wird gerade eine Dame mittleren Alters ihrer "Kehrwoche" gerecht. Wenn du in die Botschaft eilst, hörst du gerade noch hinter dir die Dame im schrillen Ton: "Könne ze net auserum gange" (zu Deutsch: Endlich freut sich jemand über meine Sauberkeit). Der original Schwabe schaut auf keinen Fall zurück!

    Sitzt hinter dem Schalter begrüßst dich ein Schwabe mit "Was wolle ze denn haan?" (zu dt: Schönen guten Tag, wie kann ich Ihnen behilflich sein:)
    Sämtliche Rechnungen und Bearbeitungsgebühren werden hier penibel zusammengerechnet und auf den Cent genau bezhalt. Man bekommt auch nur dass, was in den Vorschriften vorgesehen ist. Was dort nicht aufgelistet ist, ist strikt verboten, auch wenn es vernünftig wäre. Aber provisorien sind tabu. Im Warteraum hängt kein einziges provisorisches Blatt, stattdessen sind Informationen auf professionell gedruckenten Schildern zu lesen, die durch die Unterschrift des Botschaftsvorstehers zum Aushang genemigt sind.
    Achtgeben muss man auch, wo man seinen Koffer hinstellt. Ein schnelles Abstellen neben dem Schalter ist in den Vorschriften nicht vorgeschrieben uns somit auch verboten! Falls du schwere Koffer hast, musst du auch das selber regeln, denn kurz mal anzupacken ist für die Bootschaftsmitarbeiter nicht gestattet, da es in der BoVerReWefBoMiAr (Botschaftverordnungs Regel Werk für Botschafts Mitarbeiter) nicht vorgeschrieben, uns somit gestattet ist.

    Kurzum an der Schwäbischen Botschaft get es freundschaftlich zu und immer konform mit den Gesetzen. Bitte informiere dich vorher über die dortigen Bestimmungen, bringen sämtliche Unterlagen mit und fordern die Mitarbeiter nicht zu spontanten Handlungen auf, mögen sie auch noch so vernünftig sein.
    Ach! ganz wichtig: Unbedingt die Wege für die Aktentransporte freihalten. Das Ausfüllen von Formularen ist das A und O auf der schwäbischen Botschaft.

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  2. Super. Die hat mir noch gefehlt. Danke fuer den amuesanten Comment.

    Gruss aus Kazakstan,
    Jakob

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